Das 19. Jahrhundert war für die Moselwinzer kein Jahrhundert des Wohlstands, sondern ein Jahrhundert der Krisen. Zoll, Klima und Missernten fielen zusammen – und erklären, warum Jodocus Prüms Werk gerade dort und gerade damals entstand.
Ein kurzer Weinboom (1818–1828)
Nach dem Ende der napoleonischen Kriege und dem Wiener Kongress 1815 fällt die Mittelmosel an Preußen. In den ersten Jahren profitieren die Winzer: Die Preise für Moselwein steigen, die Säkularisation der kirchlichen Güter (1803–1813) hat die Eigentümerstruktur geöffnet, und eine Familie wie die Prüm in Wehlen erwirbt systematisch Weinberge. Der Vater des Jodocus, Johann Philipp Prüm, legt so den Grundstein des späteren Familienvermögens.
Doch dieser Boom hält nur ein Jahrzehnt.
Der Preußisch-Hessische Zollvertrag von 1828
Am 14. Februar 1828 unterzeichnen Preußen und das Großherzogtum Hessen einen Zollvertrag, der kurz darauf um weitere süddeutsche Staaten erweitert wird und in den Deutschen Zollverein von 1834 mündet. Für die Moselwinzer wirkt der Vertrag wie ein Marktschock: Billigere Weine aus dem Rheingau, der Pfalz, aus Franken, Württemberg und Hessen strömen in den preußischen Binnenmarkt.
Die Moselwinzer verlieren ihre Schutzzölle. Die Preise für einfache Moselweine brechen binnen weniger Jahre um bis zu drei Viertel ein. Die Einnahmen decken kaum noch die Produktionskosten, geschweige denn die hohen Grundsteuern, die Preußen pauschal auf Weinbergsflächen erhebt – unabhängig davon, ob geerntet werden konnte oder nicht.
Hinzu kommt die politische Asymmetrie: Während der Vertrag die Konkurrenz auf den preußischen Markt spielte, blieben die französischen Absatzmärkte, die die Mosel aus napoleonischer Zeit kannte, durch den französischen Schutzzoll faktisch verschlossen. Die Mittelmosel war damit ein Grenzland mit Exportstruktur, aber ohne Export.
Klima im Umbruch – das Dalton-Minimum
Zur Zollkrise trat eine zweite, weniger politische, aber mindestens so wirkmächtige Ursache: das Klima. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts gehört zum sogenannten Dalton-Minimum, einer Phase verminderter Sonnenaktivität zwischen etwa 1790 und 1830. 1815 brach zusätzlich der Tambora auf Sumbawa aus – die größte Vulkaneruption der Neuzeit. Die Folge war 1816 das sprichwörtliche „Jahr ohne Sommer“: in Europa Frost bis in den Juni, flächendeckende Ernteausfälle, Hungerrevolten in Süddeutschland.
An der Mittelmosel wirkte das kühlere, feuchtere Klima gleich mehrfach: kurze Vegetationsperioden verzögerten die Traubenreife, feuchte Spätsommer begünstigten Pilzkrankheiten, und die geringe Zuckerreife der Trauben senkte die Weinqualität zusätzlich zum ohnehin verfallenden Preis. Aus einem Absatzproblem wurde ein Qualitätsproblem – und aus einem Qualitätsproblem ein Existenzproblem.
Erst ab den 1860er-Jahren stabilisieren sich Temperaturen und Sonnenstunden langsam. Das war keine Antwort auf die soziale Not – aber es war die klimatische Grundlage, auf der spätere Generationen überhaupt erst den Qualitätsweinbau der Mittelmosel entwickeln konnten.
Hungerjahre, Krankheiten und Auswanderung
Über den Preisverfall legte sich ab Mitte der 1840er-Jahre eine Reihe biologischer Katastrophen: Echter Mehltau (Oidium tuckeri) befiel ab 1850 die Reben, die Kartoffelfäule zerstörte ab 1845 das Grundnahrungsmittel. Die Hungerjahre 1846/47 trafen die ohnehin verarmten Moseldörfer besonders hart. Typhus- und Cholerawellen folgten.
Die Konsequenz: Zwischen 1845 und 1860 verließen tausende Familien aus Eifel, Hunsrück und Mosel ihre Heimat. Ziele waren Brasilien (vor allem São Leopoldo), die USA und vereinzelt Russland. In manchen Eifeldörfern halbierte sich die Einwohnerzahl innerhalb einer Generation.
Wer blieb, arbeitete unter Bedingungen, die spätere Beobachter als „Elend, wie man es in Deutschland nicht für möglich gehalten hätte“ beschrieben. Kinderarbeit in Steillagen, prekäre Ernährung, fehlende medizinische Versorgung – die Realität einer Region, deren Weinberge bis heute zum schönsten Kulturland Europas gezählt werden.
Karl Marx und die „Mosella“-Artikel
Der bekannteste Chronist dieser Krise ist ausgerechnet kein Winzer, sondern ein junger Journalist aus Trier: Karl Marx, geboren 1818 in Trier, Sohn eines Moselweinbergsbesitzers. 1842/43 veröffentlicht er in der Rheinischen Zeitung eine Serie von Artikeln über die Lage der Moselwinzer, die heute als „Mosella-Artikel“ bekannt sind.
Marx dokumentiert darin den Preisverfall, die Steuerüberlastung und die Untauglichkeit der preußischen Bürokratie. Die Zensur reagiert, die Zeitung wird verboten, Marx verlässt Preußen. Aus der Not der Mosel wird ein biografischer Weg – von der Beobachtung der Winzerarmut zur Kritik der politischen Ökonomie.
Marx und Jodocus Prüm sind elf Jahre auseinander. Beide sind Söhne von Moselweinbergsbesitzern, beide erleben dieselben Missstände – und beide antworten grundverschieden: Marx mit einer Fundamentalkritik des Kapitalismus, Jodocus mit konkreten Bauten der Fürsorge an der Mosel.
Jodocus’ Antwort: Bauen statt Klagen
Jodocus Prüm hätte die Not seiner Mitbürger auch akademisch diskutieren können. Er entschied sich für das Gegenteil:
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1842
Die Wehlener Sonnenuhr
Mitten in der Zollkrise lässt Jodocus im Schieferfelsen eine Sonnenuhr einhauen – nicht aus Eitelkeit, sondern als Zeitorientierung für die Winzer, die in den Steillagen ohne Uhr arbeiteten.
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1864
Inkarter Brunnen und Jodocusbrünnchen
Zwei Brunnen zur Wasserversorgung der Feldarbeiter. Der Inkarter Brunnen erinnert zugleich an das 1627 durch die Pest verwüstete Dorf Inkart – ein doppeltes Zeichen an die Verletzlichkeit der Gemeinschaft.
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1868–1870
Kloster St. Barbara in Bernkastel
Wiederaufbau des beim Stadtbrand 1857 zerstörten Kapuzinerklosters – als Kranken- und Waisenhaus. Jodocus trägt die Kosten selbst.
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1871
Alte Kirche Wehlen
Umbau der entwidmeten Kirche zu Armenwohnungen und einer Kleinkinderbewahranstalt – vertraglich dauerhaft für Wehlen gesichert. Fünf Jahre später wird er in ihrer Krypta beerdigt.
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1871–1874
Kapelle Kautenbach
Das erste Gotteshaus eines kleinen Eifeldorfes. Kautenbach lag zehn Kilometer vom nächsten Pfarrort entfernt; alte Menschen und Kinder hatten faktisch keinen Zugang zum Gottesdienst.
Das Muster ist bemerkenswert: Jodocus baut keine Denkmäler, sondern Infrastruktur der Fürsorge. Eine Sonnenuhr für die Arbeitszeit, Brunnen für Wasser, Wohnungen für Arme, ein Waisenhaus, eine Kleinkinderbewahranstalt, eine Kapelle für die räumlich Abgehängten. Jedes Projekt adressiert eine konkrete Not der Zeit.
Was blieb
Die Moselkrise des 19. Jahrhunderts endete nicht mit Jodocus’ Tod 1876. Drei Jahre später erreichte die Reblaus die Mosel und löste eine weitere Welle von Existenzkrisen aus. Erst mit dem preußischen Weinbaukömmissar und den systematischen Bemühungen um Qualitätsweinbau nach 1890 wurde die Region wirtschaftlich stabilisiert.
Was blieb, sind Jodocus’ Bauten – und eine Haltung, die an die Jodocus-Prüm-Bürgerstiftung weitergegeben wurde: Soziale Verantwortung als Aufgabe derjenigen, die es sich leisten können. Nicht als Programm, sondern als Praxis.
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